Wilhelmshaven, Karla und Ich.

5 Schafe, 3 Hunde, ein Hilferuf und ein jahrelang gehegter Traum, einmal das Wattenmeer zu besuchen, zu erleben … Wie passt das zusammen.


Ich, Theresia Seyffert, bin die Gründerin und Betreiberin des „Gnadenhof Luna“ in den schweizerischen Bergen. Was ich auch bin ist Krankenschwester. Ich habe ein riesengrosses Herz für Tiere, aber ebenso für Menschen, insbesondere Menschen in Not.


Und so begann eine ausserordentliche Geschichte.


Vor einigen Jahren erreichte ein Brief den Gnadenhof Luna. Der Brief kam aus Deutschland und wurde offensichtlich von einer eher älteren Person geschrieben. Der Brief war mehrere Seiten lang. Ganz am Schluss, nach einer ausführlichen Erklärung, warum dieser Brief an uns gerichtet wurde, stand ein Hilferuf … in Rot… damit das auch gar nicht übersehen werden kann.


Bitte helfen Sie mir.


Als Gnadenhof bekommt man natürlich viele solcher Schreiben, die allermeisten per Mail, aber auch schon mal als Brief. So stellt eine Anfrage für eine Tieraufnahme für einen Gnadenhof eigentlich nichts Besonderes dar. Eigentlich!

Dieser Brief war anders. In diesem Brief war eine Seele drin. Der Hilferuf ging mir direkt ins Herz und bewirkte, dass ich da mal nachfragen musste.

Ich wollte mehr wissen. Warum müssen die Schafe und Hunde weg. Wo liegt das Problem und könnte es nicht sein, dass da ein Schicksal dahinter steckt, ein gebrochenes Herz, was auch immer?

So rief ich die beigelegte Telefonnummer an. Und niemand ging ran. Vorerst mal nicht. Ich versuchte es später und dann nochmals und plötzlich war da eine Stimme. „Hallo…. Ich bin die vom Gnadenhof Luna… Sie haben mir einen Brief geschrieben“ … Stille… und dann… „ der Schafscherer ist da… könnten Sie bitte später anrufen“

Klar konnte ich … und dann, später, erfuhr ich die Geschichte.

Karla. Ein turbulentes Leben hinter sich. Viele Schicksalsschläge. Eine reife Frau im fortgesetzten Alter. Stark, eigenwillig, intelligent, aussergewöhnlich, hochsensibel, weise. Ein grosses Herz für Tiere… und jetzt reicht die Rente nicht mehr, um all die Kosten zu decken, die da anfallen mit den Tieren. Die Verzweiflung ist gross, so gross, dass Karla so viele Gnaden- und Lebenshöfe wie sie finden konnte, deutschlandweit und anschliessend auch in der Schweiz, anschrieb, dort anrief, um Hilfe nachfragte, bitte bitte, helft mir und den Tieren. OHNE ERFOLG.

Um ihren über alles geliebten Tieren eine sichere Zukunft zu geben, entschied Karla nämlich, ihre Tierfamilie in einen Gnadenhof zu geben. Doch niemand konnte oder wollte helfen.

Auch ich konnte nicht helfen… zumindest nicht so, wie Karla sich das vorgestellt hat. Das heisst, auf unserem Gnadenhof Luna war kein einziger Platz frei. Wir konnten damals keine weiteren Tiere mehr aufnehmen, schon gar nicht aus Deutschland, denn das bedeutete auch ein logistisches Problem etc.

Trotzdem war klar, Hilfe musste her, so schnell wie möglich. Eine Anfrage von uns an einen ganz speziellen Lebenshof in Deutschland hat dann aber doch nicht geklappt. Und so entschieden wir uns für eine Vorort-Hilfe.


Zugang zum Internet und online-shopping erleichterte uns die Hilfe und so haben wir die Schafe, Hunde und auch die so liebenswürdige und dankbare Karla über mehrere Jahre finanziell unterstützt. Gleichzeitig lernten wir uns besser kennen, wir telefonierten, schrieben Mails, WhatsApp und schickten einander Sprachnachrichten und es entstand mit der Zeit eine innige Freundschaft zwischen Karla und mir.

Aus der Ferne bekamen wir dann auch mit, wie ein Teil der Schafe und Hunde alt wurden und eingeschläfert werden mussten. Wie Karla mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte und wie sie sich entschied, mit ihrer einzig verbleibenden Hundefreundin Anna, nach Wilhelmshaven zu ziehen.

Für mich eine kleine Enttäuschung, denn ich hatte immer vor, einmal Karla persönlich kennen zu lernen, sie bei Frankfurt zu besuchen und ihr bei den Tieren zu helfen. Mit der zusätzlichen Distanz verschwand auch meine Hoffnung auf eine persönliche Begegnung.

Die gesundheitlichen Probleme von Karla haben sich in Wilhelmshaven leider verschlimmert und es stand im Raum, dass für Anna, die geliebte Hundefreundin, eine Lösung gefunden werden musste, mit der auch Karla zurecht kam. Ziemlich schnell war klar, dass Anna zu uns auf den Gnadenhof Luna kommen würde, wenn sich Karlas gesundheitlicher Zustand nicht wesentlich verbessern täte.

So versuchte ich diese Reise so gut es ging, von hier aus, vor zu organisieren. Ich klärte ab, ob es eine Transportmöglichkeit gäbe, einen Hund von Wilhelmshaven bis mind. nach Karlsruhe zu bringen, von dort hätte dann eine weitere Freundin von mir die Anna übernehmen können und bis zum Gnadenhof gebracht.

Mit Karla war ich während dieser Zeit in ständigem Kontakt und spürte schnell heraus, dass es nur einen einzigen Weg gibt, nämlich dass ich persönlich nach Wilhelmshaven reisen würde, wenn es dann so weit wäre. Und es dauerte tatsächlich nicht lange, war es so weit. Das war für mich eine riesengrosse Herausforderung auf ganz vielen Ebenen. Ich brauchte dringend jemanden, der mich hier auf dem Hof vertritt, meine Arbeit hier erledigen kann, flexibel abrufbar ist und zuverlässig arbeitet. Dann war das alte Auto, welches sich zwar für Kurzstrecken eignet, aber ich nicht ganz sicher war, ob so eine weite Reise drin liegt, oder ob es nicht irgendwo unterwegs den Geist aufgäbe. Äusserlich sieht das Gnadenhof Auto noch ganz passabel aus, aber es ist alt und klapprig. Erschwerend kommt hinzu, dass die ganze globale Mikrobengeschichte das Reisen nicht gerade erleichtert. Und zu guter Letzt habe ich gar keinen Pass und keine Identitätskarte. Also über eine Grenze schaffe ich das nie.

Da sich der gesundheitliche Zustand meiner geliebten Freundin Karla weiter verschlechterte, musste ich etwas unternehmen, jetzt, sofort. Der schnellste Weg eine Identitätskarte zu bekommen war über die Gemeinde. Ich brachte die geforderten Fotos von mir und siehe da, ganz unerwartet, wurde mir die ID Karte nur ein paar Tage später zugeschickt.

Als Karla mich dann rief, um Anna zu holen, war ich bereit. Zuhause mit den Tieren war alles geregelt. Mein Mann konnte sich die Zeit frei nehmen und so waren wir nicht auf fremde Hilfe angewiesen. Das Auto wurde nochmals in die Garage gebracht und durchgecheckt, ein C-Test wurde gemacht und ich fuhr los.

Los in eine unbekannte Welt, weit über meinen normalen Aktionsradius und meine Komfortzone hinaus, in die Fremde sozusagen. Auch nicht wissend, was mich in Wilhelmshaven erwarten würde. Würden Karla und ich uns auch gut verstehen, wenn wir uns persönlich begegnen? Unsere Freundschaft war zwar über die Jahre gewachsen, wir hatten viel Ähnliches, wir sind beide starke Individuen, Solokämpferinnen etc. Aber funktioniert das auch im direkten Kontakt? Ich war etwas nervös und Karla ging es bestimmt auch so.

Dann war mir als Krankenschwester klar, dass die Übernahme der lieben Hündin Anna, ein Problem sein wird. Ich werde sie mitnehmen in die Schweiz. Ganz weit weg. Unerreichbar für Karla. Ein Abschied für immer.

Das kenne ich aus meinem Spitalalltag. Keine leichte Angelegenheit. Herzen werden weinen. Auf allen Seiten. So war meine Mission auch da eine Herausforderung. Eine gesamtheitliche Anstrengung psychisch, physisch, psychologisch, mental, seelisch, logistisch, pandemisch…

Meine Reise begann um halb vier Uhr in der Früh. Ich rechnete mit 12 Stunden, bis ich in Wilhelmshaven ankommen würde. Ich war etwas aufgeregt, irgendwie aber auch voller Vorfreude und vorallem hat die Abenteuerlust mich gepackt. Es lag eine sehr lange Reise vor mir. Bis zum Zeitpunkt der Abfahrt habe ich mich noch nicht ganz entschieden, ob ich diese lange Reise in zwei Etappen, oder an einem Stück mache würde. Aber als ich im Auto sass, wusste ich sofort, die Reise geht ununterbrochen und an einem Stück – Schwendi – Wilhelmshaven. Mein Auto war gepackt mit Kaffee und nochmals Kaffee und mehr Kaffee … J mit Sandwiches, Schockolade, Früchte etc. So dass ich ohne grossen Zeitverlust, die fast tausend Kilometer schaffen werde.

Ich war derart auf mein Ziel fokussiert, dass für Müdigkeit kein Platz war. So weit im Norden war ich noch nie. Würde alles gut gehen? War ich willkommen? Unter diesen schwierigen Umständen? Kann ich das alles emotional verkraften?

Es ist nicht zu glauben, aber plötzlich war ich da. Da, in einer Welt, die ich in meinem Leben nie zu Gesicht bekommen hätte. Wie es wohl Karla, meiner Freundin ergeht? Ganz bestimmt ist sie auch aufgeregt. Und natürlich traurig, bestimmt unendlich traurig.

Und jetzt standen wir uns gegenüber. Beide abwartend, wie der andere wohl reagieren würde. Würden wir uns mögen? Ich hoffte so sehr, dass unsere Freundschaft halten würde. Und sie tat es. Endlich konnten wir uns umarmen und für immer ins Herz schliessen. Was für eine Erleichterung auf beiden Seiten.

Es war geplant, dass ich bei Karla in der Stube auf dem Sofa schlafen werde und dass ich einige Tage mit ihr verbringen würde. In dieser Zeit sollte sich auch Anna an mich gewöhnen, damit sie mit mir mitgehen kann, ohne gestresst zu sein.

Ich musste versuchen eine Stimmung zu schaffen, welche es Karla erlaubt, loszulassen, zurück zu bleiben, alleine, ohne ihr Familienmitglied, für immer…

Ich liess mir Zeit. Ich wollte Karla persönlich erleben. Ich wollte mir ihr essen, mich mit ihr austauschen, ihre Sorgen anhören, Anna näher kennen lernen… und habe eine bittersüsse Zeit in Wilhelmshaven erlebt, welche mir einen jahrelang gehegten Wunsch in Erfüllung gehen liess, der für mich ein unerreichbarer Traum war. Ich habe das Wattenmeer besuchen dürfen. Ganz alleine, da Karla immer mal wieder das nachvollziehbare Bedürfnis verspürte, die kurze noch verbleibenden Zeit, mit ihrer geliebten Hündin Anna, ganz alleine zu verbringen. Dafür hatte ich vollstes Verständnis. Und es gab auch mir freie Zeit. Zeit ganz alleine meinen Traum auszukosten.

Was für ein Erlebnis. Das Wattenmeer, knapp 15 Minuten entfernt, kannte ich von Bildern, Videos, Erzählungen etc. Es faszinierte mich so sehr, wie umgekehrt die Leute aus dem Flachland die Berge faszinierend finden. Meinen Wunsch, das Wattenmeer zu erleben, die Majestät erfahren, Ebbe und Flut, Kommen und Gehen, wie das Leben, das hat mein Herz besänftigt, in meiner doch so traurigen Mission, wo sich zwei Liebende für immer trennen müssen.

Nun sass ich da am Wattenmeer. Diese unendliche Weite… wo war es denn überhaupt? Das Meer? Vor mir lag eine Art Strand, kilometerweit nichts als Strand, mit vielen zerbrochenen Muscheln, mit Schlick und ab und zu ein paar Algen. Sonst nichts, ausser Weite. Irgendwo in der Ferne eine Insel und ganz weit weg ein Schiff. Es war wohl gerade Ebbe… So fragte ich einen vorbeilaufenden Vater, ob er denn wisse, wann das Meer wieder käme. Er wusste es. In 20 Minuten meinte er. Und die wollte ich natürlich abwarten. Wollte erleben wie es sich anfühlte, wenn das Wasser zurückkehrte. Ich entschied mich, trotz der eher frischen Temperatur, meine Schuhe auszuziehen und dem Wasser entgegen zu laufen. Es war ja alles ganz flach. Und so machte ich mich auf den Weg nach draussen. Bedächtig, jeden Schritt auskostend, lief ich eine Weile dahin. Bis ich in der Weite so etwas wie eine Gischt wahrnahm. Das musste es sein, das zurückkehrende Wasser. Ich lief noch eine Weile und stellte dann fest, dass das Wasser tatsächlich immer näher kam. Zwar nicht sehr hoch, aber doch stetig. Warten? Zurücklaufen? Ich schaute mich um und dachte noch, dass ich ev. eingeschlossen werden würde, denn das Wasser kam plötzlich auch von der Seite auf mich zu. Ich überwand meine Bedenken und wartete doch ab. Und da stand ich auch schon im Wasser. Es kam mir vor, als hätte es sich angeschlichen, unbemerkt und doch real. So lief ich im Tempo des ankommenden Wassers zurück zum Land. Ohne Komplikationen und mit einem tiefen Gefühl der Ruhe, Zufriedenheit und Freude. Ich habe regelrecht gespürt, wie ich Kraft schöpfen konnte. Ich bin so dankbar dafür.

Das Bitter-Süsse dieser Tage war eine besondere Herausforderung für mich und dabei haben mir die wunderbaren Pflegerinnen des mobilen Pflegedienstes, welche Karla zuhause betreuten, sehr geholfen. Mit ihrer sensiblen und verständnisvollen Art, mit der Bereitschaft am Abreisetag für Karla da zu sein, sie aufzufangen, ihr Halt zu geben wenn ich losfahre, mit Anna in der Hunde-Box, um Wilhelmshaven zu verlassen, um Karla zu verlassen. Für immer…


Nachtrag. Diese Geschichte erzähle ich, weil es nicht einfach so ist, dass ich mal eben ein paar Tausend Kilometer fahre, um einen Hund zu übernehmen. Das kann ich rein organisatorisch nicht, auch nicht finanziell. Es ist eigentlich nicht möglich, den Gnadenhof zu verlassen. Wer übernimmt meine Arbeit hier. Wer passt hier auf. Und überhaupt, es gäbe an jeder Ecke in dieser Welt Hunde, welche zu retten sind. Im Laufe der letzten über dreissig Jahre Gnadenhof Erfahrung, mussten wir feststellen, alle Tiere kann man nicht retten. Leider.

Was mich dazu bewog nach Wilhelmshaven zu fahren, war ein Brief mit einem Hilferuf und eine daraus entstandene innige Freundschaft. Eine sehr besondere Freundschaft, mit einem Menschen, den man nie zuvor gesehen hat und trotzdem eine liebevolle Verbindung da war. Unerklärbar, unglaublich, wunderbar. Und… es war die einzig richtige Entscheidung, dass ich persönlich zu Karla reiste, persönlich Anna übernahm, den Trennungsschmerz mit Karla teilte und gleichzeitig auch auftanken konnte als ich durchs Wattenmeer watete J die Flut meine Füsse umspielen liess und das Kommen und Gehen auf einer anderen Ebene erlebte. Ich bin mehr als DANKBAR, dass mein Traum durch so viele unglaubliche Umstände und Umwege doch noch in Erfüllung ging. Niemals hätte ich das geglaubt.



DANKE KARLA, DANKE ANNA, DANKE MOBILER PFLEGEDIENST, DANKE MEINEM MANN GEZA, DER HIER MEINE AUFGABE MIT ÜBERNAHM. DANKE WILHEMSHAVENER ZEITUNG, DANKE DU WUNDERBARES WATTENMEER, DU HAST MEINE FÜSSE UMSPÜLT UND DAMIT MEINE BATTERIEN WIEDER AUFGELADEN.




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